Studienlage

Die öffentliche Debatte schwankt zwischen Alarm und Entwarnung. Die Forschung ist differenzierter: Es gibt belastbare Zusammenhänge, aber überwiegend korrelative Daten und kleine bis mittlere Effekte.

Ein Schultag in Zahlen

Durchschnittliche tägliche Nutzungszeit der 10- bis 17-Jährigen, getrennt nach Bereichen. Die Werte wurden einzeln erhoben und überschneiden sich teilweise, zum Beispiel bei Videos in sozialen Netzwerken. Sie lassen sich deshalb nicht einfach zu einer Gesamtzeit addieren.

Soziale Medien

146 Min. Schultag

201 Min. Wochenende

Onlinevideos

108 Min. Schultag

151 Min. Wochenende

Digitale Spiele

89 Min. Schultag

138 Min. Wochenende

SchultagWochenende

Quelle: DAK-Mediensucht-Studie 2026 mit dem UKE Hamburg, Erhebung September/Oktober 2025

Kein Problem der Willensstärke

  • 21,5 %der 10- bis 17-Jährigen nutzen soziale Medien riskant.
  • 6,6 %nutzen sie pathologisch, also suchtartig, hochgerechnet rund 350.000 Kinder und Jugendliche.

Mehr als jede oder jeder Vierte ist also betroffen. Das spricht eher für die Gestaltung der Produkte als für mangelnde Willensstärke; die EU-Kommission sieht in endlosem Scrollen und Autoplay (automatisches Abspielen) ausdrücklich ein Suchtrisiko. Das entlastet Gespräche von Schuldzuweisungen. Zugleich nutzt die Mehrheit soziale Medien unauffällig.

Quellen: DAK-Mediensucht-Studie 2026, EU-Kommission 2026

Was die Leopoldina zusammenfasst

Das Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften vom August 2025 ist die sorgfältigste deutschsprachige Übersicht. Dokumentiert sind Zusammenhänge zwischen intensiver Nutzung und Depressions- und Angstsymptomen, Schlafproblemen, beeinträchtigter Aufmerksamkeit, Körperunzufriedenheit sowie suizidalen Gedanken und selbstverletzendem Verhalten.

„Der Großteil der verfügbaren Evidenz ist korrelativer, nicht kausaler Natur.“
Leopoldina, Diskussionspapier Nr. 40, 13. August 2025

Längsschnitt- und Interventionsstudien deuten auf ursächliche Effekte hin; eine US-Kohortenstudie mit 6.595 Teilnehmenden fand über drei Jahre ein erhöhtes Risiko für Depression und Angststörungen. Die Leopoldina plädiert daher für das Vorsorgeprinzip: Der technische Wandel ist schneller als die Forschung, und Plattformen halten Daten zurück.

Bei Mädchen benennt das Papier zusätzlich Körperunzufriedenheit, Perfektionismus, psychische Erkrankungen und ein erhöhtes Risiko sexueller Belästigung. Der Feed (Beitragsstrom) liefert dafür das Vergleichsmaterial: nachbearbeitete Ausschnitte aus dem Leben anderer, mehrere hundert Mal am Tag.

20 bis 30 Minuten weniger am Tag verbessern die psychische Gesundheit messbar.

Der praktischste Befund des Leopoldina-Papiers: Eine Reduktion der Social-Media-Nutzung (Nutzung sozialer Medien) um 20 bis 30 Minuten täglich wirkte in Interventionsstudien positiv. Wie das im Alltag gelingen kann, zeigt ein erprobter Tipp gegen Endlos-Feeds.

Lesen und Aufmerksamkeit

Die Behauptung, Jugendliche läsen nicht mehr, trifft so nicht zu: 45 % der 12- bis 13-Jährigen lesen regelmäßig Bücher, bei den 18- bis 19-Jährigen sind es 27 %; über zehn Jahre ist der Anteil weitgehend konstant. Bedenklich ist dagegen die Grundschule: Rund ein Viertel der Viertklässler verfehlt den internationalen Mindeststandard im Lesen, und der Mittelwert sank von 539 Punkten (2001) auf 524 Punkte (2021). Ein ursächlicher Anteil von Bildschirmen ist nicht sauber belegt.

Belegt ist ein Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und beeinträchtigter Aufmerksamkeit. Für die verbreitete These, soziale Medien machten weniger kreativ, fehlt eine belastbare Studienlage. Gut begründet ist dagegen der Verdrängungseffekt: Zeit im Feed fehlt für Spiel, Bewegung und Langeweile, aus der Ideen entstehen.

Quellen: Leopoldina, Diskussionspapier Nr. 40, JIM-Studie 2025, IGLU 2021