Soziale Netzwerke
Ein Feed (Beitragsstrom) ist nicht chronologisch sortiert, sondern danach, was Nutzer am längsten hält. Seine Gestaltung zielt darauf, den Moment zu entfernen, in dem man bewusst entscheidet aufzuhören.
Vier Gestaltungsprinzipien
- Endloses Scrollen: Inhalte werden nachgeladen, bevor die vorherigen zu Ende sind. Es gibt keinen natürlichen Haltepunkt.
- Autoplay: Das nächste Video startet, bevor eine Entscheidung möglich ist.
- Streaks und Push-Nachrichten: Ein Zähler für tägliche Kontakte, der bei einem ausgelassenen Tag auf null fällt, erzeugt eine Verpflichtung unabhängig vom Inhalt. Push-Nachrichten (Benachrichtigungen aufs Handy) holen Nutzer gezielt zurück.
- Lernender Algorithmus: Ausgewertet werden Verweildauer, Wiederholungen, Likes, Weiterleitungen, Uhrzeit, Standort und Gerät. Jugendliche kennen vor allem die sichtbaren Signale und unterschätzen die Verweildauer.
Quellen: Leibniz-Institut für Medienforschung, Leopoldina, Diskussionspapier Nr. 40
Wo der Endlos-Feed steckt
Fast jede große App hat inzwischen einen eigenen Bereich mit kurzen Videos, die ohne Ende nachrücken. Die Namen helfen beim Gespräch und beim Abschalten:
| App | Name des Endlos-Feeds (Beitragsströme ohne Ende) |
|---|---|
| TikTok | „Für dich“-Seite, die Startseite der App |
| Reels (Kurzvideos bei Instagram) | |
| YouTube | Shorts (Kurzvideos bei YouTube) |
| Snapchat | Spotlight (Kurzvideos bei Snapchat) |
| Reels |
Dass diese Bauweise abhängig machen kann, ist keine Elternsorge, sondern eine amtliche Einschätzung. Die EU-Kommission hat am 6. Februar 2026 vorläufig festgestellt, dass TikTok mit endlosem Scrollen, Autoplay (automatisches Abspielen), Push-Nachrichten und seinem Empfehlungssystem gegen den Digital Services Act (EU-Gesetz über digitale Dienste) verstößt: Die Gestaltung könne zu zwanghaftem Verhalten führen und die Selbstkontrolle verringern, auch bei Minderjährigen. Die Feststellung ist noch nicht endgültig, TikTok weist sie zurück. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt, „besonders suchterzeugende Funktionen wie Push-Nachrichten und endloses Scrollen“ für Minderjährige zu unterbinden.
Quellen: EU-Kommission, Pressemitteilung vom 6. Februar 2026, Leopoldina, Diskussionspapier Nr. 40, Anmerkung zur Casino-Analogie
Der Selbsttest
Ein nachgestellter Feed, wie er auf dem Handy aussieht. Scrollen Sie im Feld nach unten und achten Sie darauf, wann Sie zum ersten Mal ans Aufhören denken. Daneben erscheinen nach und nach Hinweise. Die Beiträge sind gezeichnet und frei erfunden; es gibt keine echten Personen oder Videos.
Beginnen Sie im Feld zu scrollen.
Mein Tipp: selbst genutzt, mit wissenschaftlicher Grundlage
Endlos-Feeds runter vom Handy
Alle Apps mit endlosem Feed habe ich nicht auf dem Handy, sondern nur auf dem iPad und dem Laptop. Ich studiere selbst Wirtschaftspsychologie und habe im Studium gemerkt, wie oft ich zu diesen Apps gegriffen habe, einfach weil sie ständig verfügbar waren. Das habe ich für mich geändert, und es hat einen großen Effekt. Das Handy ist fast immer dabei: in der Pause, im Bus, auf dem Sportplatz, neben Freunden. Sobald die Apps dort fehlen, sind sie nicht mehr ständig griffbereit. Zugriff gibt es weiterhin, wenn man wirklich will, nur eben bewusst und an einem Ort. Und niemand steht mehr mit Freunden am Sportplatz und scrollt gemeinsam durch Reels, statt sich zu unterhalten.
Bei vielen bietet sich dafür auch das Schul-iPad an: Während der Unterrichtszeit sind solche Apps dort ohnehin gesperrt oder sollten es sein. Ob private Apps auf dem Schulgerät erlaubt sind, regelt jede Schule selbst; sonst tut es ein Familien-Tablet, das zu Hause bleibt.
Wie man es anspricht: Statt mir eine Regel aufzustellen, habe ich mich selbst ehrlich gefragt, und genauso lässt sich auch ein Kind fragen: „Findest du selbst, ganz ehrlich, dass du zu viel Zeit damit verbringst?“ Ohne vorher auf die Bildschirmzeit zu schauen. Meistens merkt man es dann selbst. Dann lässt sich gemeinsam überlegen, die Apps vom Handy zu nehmen.
Wenn die App bleiben soll: Es gibt Apps, die vor dem Öffnen eine Pause einlegen, Endlos-Bereiche ausblenden oder ablenkende Apps zu bestimmten Zeiten sperren. Zum Beispiel:
- Unscrollablefür iPad: blendet bei Instagram und anderen Netzwerken im Browser Reels, Entdecken-Seite und Vorschläge aus.App Store
- unscrollfür iPhone: sperrt ausgewählte Apps nach Zeitplan und zeigt stattdessen Artikel oder Podcasts; Abo nach Testphase.App Store
- one secfür iPhone und Android: legt vor dem Öffnen eine kurze Atempause ein; für eine App kostenlos.App StoreGoogle Play
Kostenlos und ohne Zusatz-App gehen auch die App-Limits von iPhone (Bildschirmzeit) und Android (Digital Wellbeing). Bei Apps von Drittanbietern lohnt ein Blick auf Kosten und Datenschutz; Zugangsdaten zu Instagram oder TikTok sollte man dort nicht eingeben. Die Auswahl ist ein Beispiel, keine Testempfehlung; für die Nennung gibt es kein Geld.
Was dafür spricht. Genau diese Regel hat keine Studie getestet, die Grundlage dahinter aber schon:
- Schon eine kleine Hürde vor dem Öffnen wirkt: In einem Feldexperiment mit 280 Personen wurde die Ziel-App in 36 % der Versuche gleich wieder geschlossen, wenn vor dem Öffnen kurz gewartet werden musste (PNAS 2023).
- Schon die bloße Nähe des eigenen Smartphones bindet Aufmerksamkeit: In Experimenten mit knapp 800 Teilnehmenden schnitten Personen besser ab, wenn das Handy in einem anderen Raum lag (Ward u. a. 2017).
- Endloses Scrollen gilt der EU-Kommission und der Leopoldina als besonders bindende Funktion (siehe oben).
Grüning u. a., PNAS 2023, Ward u. a. 2017, EU-Kommission 2026, Leopoldina 2025. Die Studie zu „one sec“ stammt vom Entwicklerteam der App selbst; das sollte man bei der Bewertung wissen.
Nutzungszeiten
- +60 %Anstieg riskanter Nutzung von Videostreaming (Ansehen von Videos über das Internet), der am schnellsten wachsende Bereich. Deshalb wirkt eine Einstellung besonders: Autoplay abschalten.
Wie viel Zeit 10- bis 17-Jährige täglich in sozialen Medien, mit Videos und mit Spielen verbringen, zeigt die Grafik Ein Schultag in Zahlen.
Quelle: DAK-Mediensucht-Studie 2026