KI beim Lernen

Zwei aktuelle Studien zeigen, dass KI-Tutoren das Lernen deutlich verbessern können. Beide zeigen aber auch, worauf es ankommt: auf eine durchdachte Gestaltung und auf Menschen, die den Prozess begleiten.

  • 2×so hoher Lernzuwachs mit einem KI-Tutor wie in einer Präsenzstunde mit aktivem Lernen (Harvard, 194 Studierende).
  • 49 Min.benötigten die Studierenden im Median für die KI-Lektion, gegenüber 60 Minuten im Hörsaal.
  • ≈ 2 JahreLernfortschritt in sechs Wochen im Weltbank-Pilot in Nigeria, bei Englisch als Fach.

Die Harvard-Studie

In einer randomisierten Studie in einem Einführungskurs Physik an der Harvard University (Herbst 2023) erarbeitete jede Person ein Thema mit einem KI-Tutor zuhause und ein anderes in einer Präsenzstunde mit erprobten Methoden des aktiven Lernens. Der Lernzuwachs mit dem KI-Tutor war mehr als doppelt so hoch, die Lernzeit kürzer; Engagement und Motivation lagen ebenfalls höher. Die Effektstärke beziffern die Autoren auf 0,73 bis 1,3 Standardabweichungen.

Der Tutor war allerdings kein frei zugänglicher Chatbot (KI-Programm zum Chatten). Er beruhte auf GPT-4, wurde aber von Fachleuten mit vorab verfassten Lösungswegen und gezielten Anweisungen gesteuert: Er führte strukturiert durch die Aufgaben, ließ eigenes Tempo zu und gab gezielte Rückmeldung. Die Autoren betonen, dass die Ergebnisse für das erstmalige Erarbeiten von Wissen gelten, nicht für komplexe Synthese oder kritisches Denken.

Quelle: Kestin u. a., Scientific Reports 15, 17458 (2025)

Der Weltbank-Pilot in Nigeria

Im Juni und Juli 2024 nutzten Schülerinnen und Schüler weiterführender Schulen im Bundesstaat Edo sechs Wochen lang nachmittags einen KI-Assistenten auf Basis von GPT-4 im Englischunterricht, begleitet von Lehrkräften. Die randomisierte Auswertung ergab einen Effekt von etwa 0,3 Standardabweichungen, nach Einschätzung der Weltbank fast zwei Jahre typischen Lernens. Mädchen, die zu Beginn hinter den Jungen lagen, profitierten besonders.

Quelle: Weltbank, Blogbeitrag vom 9. Januar 2025 und Policy Research Working Paper 11125

KI wirkt dort, wo sie zum Denken anregt, statt es abzunehmen.

Beide Studien nutzten KI als Lernbegleiter mit klarem didaktischem Rahmen. Ein Chatbot, der fertige Lösungen liefert, ist etwas anderes; das Risiko des Lernverlusts beschreibt das Kapitel KI-Chatbots.

So gelingt Lernen mit KI zuhause

Die Erkenntnisse lassen sich auf den Familienalltag übertragen. Viele Assistenten bieten inzwischen eigene Lernmodi; dasselbe lässt sich mit einer klaren Anweisung erreichen:

Eine Anweisung, die aus dem Chatbot einen Tutor macht

„Erkläre mir das Thema Schritt für Schritt, aber gib mir nicht die Lösung. Stell mir nach jedem Schritt eine Frage und sag mir, ob meine Antwort stimmt.“

  • Erklären lassen statt abschreiben: Die Regel „KI darf erklären und prüfen, schreiben muss ich selbst“ übersetzt die Studienlage in eine Familienregel.
  • Üben mit Rückmeldung: Vokabeln abfragen, Rechenwege kontrollieren, Aufsätze kommentieren lassen, nicht schreiben lassen.
  • Geduld ohne Bewertung: Dreimal nachzufragen kostet nichts. Gerade Kinder, die sich im Unterricht nicht zu fragen trauen, profitieren davon.
  • Ergebnisse prüfen: Antworten klingen stets sicher, auch wenn sie falsch sind. Gemeinsam nachzuschlagen ist selbst eine Lernübung.

Die Kultusministerkonferenz sieht ausdrücklich Potenzial für individualisiertes Lernen und für die Entlastung von Lehrkräften und plädiert für einen kritisch-konstruktiven Umgang. KI-Kompetenz

Quelle: KMK, Handlungsempfehlung vom 10. Oktober 2024

Was ist ein Prompt?

Ein Prompt (Anweisung an die KI) ist die Anweisung, die man einer KI gibt: der Text, den man ins Eingabefeld schreibt. Je genauer er beschreibt, was man möchte, für wen und in welcher Form, desto brauchbarer wird das Ergebnis. Ein guter Prompt nennt meist vier Dinge: Aufgabe (was soll entstehen), Zielgruppe (für wen), Inhalt (welcher Stoff) und Form (wie soll es aussehen).

Ein eigenes Lernquiz mit einem einzigen Prompt

Aktuelle KI-Assistenten können nicht nur Text schreiben, sondern kleine, sofort nutzbare Anwendungen bauen. Bei Claude heißen sie „Artifacts“ (Ergebnisfenster bei Claude), bei ChatGPT und Gemini „Canvas“ (Arbeitsfläche bei ChatGPT und Gemini). Aus einer einzigen Beschreibung entsteht so ein Quiz, das im Browser läuft, mit Punktestand und Erklärungen, und das sich als eigene Seite teilen lässt.

Beispiel-Prompt

„Erstelle ein interaktives Lernquiz als Webseite für ein Kind in der 6. Klasse zum Thema Bruchrechnen: Erweitern, Kürzen, Addieren mit verschiedenen Nennern. 10 Fragen, jeweils vier Antwortmöglichkeiten. Nach jeder Antwort zeigt das Quiz an, ob sie stimmt, und erklärt den Rechenweg in einem Satz. Am Ende ein Punktestand und ein Knopf zum Wiederholen der falsch beantworteten Fragen. Ruhige Farben, große Schrift, gut auf dem Tablet bedienbar.“

Was danach zu tun ist

Das Quiz einmal selbst durchspielen und die Lösungen prüfen: Auch hier können Fehler stecken. Wer möchte, verfeinert mit einem zweiten Prompt („Mach die Fragen 7 bis 10 schwerer“) oder lässt das Quiz aus dem Hefteintrag des Kindes erstellen, abgetippt oder fotografiert.

Ein Hinweis zum Alter: Claude ist nach den Nutzungsbedingungen von Anthropic (Unternehmen hinter Claude) erst ab 18 Jahren erlaubt, ChatGPT ab 13 Jahren und bis 18 nur mit Einverständnis der Eltern. Für jüngere Kinder erstellen deshalb am besten Eltern oder Lehrkräfte das Quiz; das Kind nutzt dann nur die fertige Seite. Weitere Prompt-Vorlagen (Vorlagen für Anweisungen an die KI) zum Lernen stehen in den Vorlagen für Kinder und Jugendliche.

Quellen: Anthropic, Hilfe-Center zu Artifacts und Nutzungsbedingungen; OpenAI, Nutzungsbedingungen