KI-Chatbots
Sprachmodelle antworten in ganzen Sätzen, sind rund um die Uhr verfügbar und widersprechen selten. Für Hausaufgaben ist das nützlich. Als Gesprächspartner für belastete Jugendliche ist es problematisch.
- 2/3der Kinder und Jugendlichen nutzen KI-Chatbots mindestens wöchentlich, 27,2 % mehrmals wöchentlich bis täglich.
- 74 %der 12- bis 19-Jährigen nutzen KI für Hausaufgaben und zum Lernen, 2024 waren es 65 %. 84 % haben ChatGPT schon genutzt.
- 33 %der Jugendlichen mit depressiven Symptomen sagen, ein Chatbot (KI-Programm zum Chatten) verstehe sie besser als ein Mensch.
Quellen: BzKJ 2026, DAK-Mediensucht-Studie 2026, JIM-Studie 2025, DAK/UKE, Auswertung KI-Chatbots
Wie ein Sprachmodell antwortet
Ein Chatbot hat weder Absicht noch Überzeugung. Er berechnet zu einer Eingabe die statistisch wahrscheinlichste Fortsetzung. Daraus folgt zweierlei: Er kann nicht im eigentlichen Sinne lügen, aber auch Verständnis und Zuspruch („Ich verstehe dich besser als die meisten“) sind keine Einschätzung, sondern Textwahrscheinlichkeit.
Drei Konstruktionsmerkmale erklären den Reiz. Ein Chatbot ist jederzeit verfügbar, auch um 22:41 Uhr. Er kann sich an frühere Gespräche erinnern, wenn die Gedächtnisfunktion eingeschaltet ist. Und er widerspricht kaum: OpenAI (Unternehmen hinter ChatGPT) selbst bezeichnet diese Neigung als „Speichelleckerei“ und hat 2025 eine Modellversion deswegen zurückgezogen. Antworten klingen zudem stets sicher, auch wenn sie falsch sind.
Quellen: OpenAI, Hinweise zu Gedächtnis, Gefälligkeit und Krisen (2025)
Assistent oder Begleiter: ein wichtiger Unterschied
Unter „KI-Chatbot“ fallen zwei recht verschiedene Arten von Angeboten. Für Eltern lohnt es sich, sie auseinanderzuhalten.
Allgemeine AssistentenChatGPT, Claude, Gemini, Copilot
KI-BegleiterCharacter.AI, Replika, in Teilen „My AI“ bei Snapchat
Gebaut für
Aufgaben: Fragen beantworten, Texte erklären, Rechenwege prüfen.
Beziehung: Figuren mit Namen, Persönlichkeit und Gedächtnis, teils freundschaftlich, teils romantisch angelegt.
Wer schreibt
Nur auf Anfrage: eine Frage, meist eine einzige, ausführliche Antwort.
Die Figur fragt nach und lädt zum Weiterreden ein.
Gedächtnis
Möglich: ChatGPT kann sich über „Erinnerungen“ Angaben aus früheren Gesprächen merken.
Zentral: Das Erinnern ist Teil der Bindung.
Worauf es ankommt
Was mit den Eingaben geschieht: Training, und seit Ende August 2026 Werbung in der Gratisversion von ChatGPT. Beides lässt sich in den Einstellungen begrenzen.
Bindung: Die Gerichtsverfahren in den USA richten sich vor allem gegen diese Angebote. Character.AI (App für KI-Begleiter) hat offene Chats für unter 18-Jährige Ende 2025 eingestellt.
Auch Assistenten sind nicht frei von diesen Mustern. OpenAI schreibt selbst, dass ChatGPT bei Krisenthemen auf Hilfsangebote verweisen soll, diese Schutzmechanismen in langen Gesprächen aber nachlassen können.
Quellen: OpenAI 2025, OpenAI/t3n 2026, Character.AI und Berichterstattung zu den Verfahren 2025/2026
Warum Jugendliche sich anvertrauen
Wer belastet ist, bindet sich stärker an einen Chatbot. Unter Jugendlichen mit depressiven Symptomen vertrauen fast 33 % dem Chatbot Vertrauliches an und über 30 % nutzen KI bei Einsamkeit; ebenfalls 33 % meinen, ein Chatbot verstehe sie besser als ein Mensch. Bis zu 10 % aller Kinder und Jugendlichen nutzen Chatbots, um sich von negativen Gefühlen abzulenken.
Für Eltern heißt das: Ein Chatbot als Vertrauter ist meist kein Zeichen von Misstrauen, eher ein Hinweis, dass etwas belastet. Der Anlass für ein Gespräch ist dann die Belastung, nicht die App.
Quellen: DAK/UKE, Auswertung KI-Chatbots, BzKJ, 25. März 2026
Ein Chatbot verlängert das Gespräch. Ein Mensch würde an der entscheidenden Stelle handeln.
Sprachmodelle erkennen akute Krisen unzuverlässig. In den USA haben Familien Anbieter verklagt, nachdem Jugendliche sich das Leben genommen hatten. Im Januar 2026 haben Character.AI und Google fünf dieser Klagen durch Vergleiche beigelegt, also durch Einigungen ohne Urteil; die Beträge sind vertraulich, eine Schuld wurde nicht festgestellt. Gegen OpenAI laufen ähnliche Verfahren.
KI-Begleiter: Zahlen aus Österreich
In einer österreichischen Erhebung nutzen 24 % der 11- bis 17-Jährigen KI für freundschaftliche, 19 % für romantische oder flirtende Gespräche; 29 % halten KI für einen möglichen Freund, 94 % nutzen KI-Chatbots überhaupt. Vergleichbare Zahlen für Deutschland fehlen bislang.
„Virtuelle Freunde sind stets verfügbar, geduldig und können täuschend echt Nähe simulieren. Problematisch wird es, wenn sich junge Menschen emotional abhängig machen.“
Hinzu kommt: KI ist längst in Apps eingebaut, die Kinder ohnehin nutzen. „My AI“ steht bei Snapchat an erster Stelle der Freundesliste, Meta AI (KI-Assistent des Meta-Konzerns) ist in Instagram und WhatsApp integriert.
Quellen: Saferinternet.at 2025, Common Sense Media 2025, Monatsschrift Kinderheilkunde 2026
KI bei den Hausaufgaben
Das Risiko liegt weniger im Betrug als im Lernverlust: Wer Ergebnisse übernimmt, ohne den Lösungsweg zu gehen, übt das eigenständige Denken nicht. Die Kultusministerkonferenz setzt auf einen kritisch-konstruktiven Umgang mit KI in der Schule. Ob etwas verstanden wurde, zeigt die Bitte „Erklär mir das in deinen eigenen Worten“. Da Schulen die Nutzung von Fach zu Fach unterschiedlich regeln, lohnt eine kurze Nachfrage bei der Lehrkraft. Wie KI das Lernen tatsächlich verbessern kann und welche Familienregel daraus folgt, zeigt das Kapitel KI beim Lernen.
Quelle: KMK-Handlungsempfehlung vom 10. Oktober 2024
Was Eltern tun können
- Interesse zeigen, ohne zu kontrollieren. Sich zeigen lassen, was das Kind mit der KI macht, und zuhören. Wie solche Gespräche gelingen
- Die Technik erklären. „Er berechnet die wahrscheinlichste Antwort“ ist eine Erklärung, die Jugendliche ernst nehmen können, ohne sich belehrt zu fühlen.
- Gemeinsam ausprobieren. Eine Frage zusammen stellen und die Antwort gemeinsam prüfen. SCHAU HIN! rät allgemein, Medien gemeinsam mit dem Kind zu nutzen; klicksafe rät Eltern, sich über die Risiken von KI und Deepfakes (KI-Fälschungen von Bild, Video oder Stimme) zu informieren.
- Daten sparsam halten. Keine echten Namen, keine Schule, keine Fotos; Training und Erinnerungen in den Einstellungen prüfen. Mehr zu Daten
Quellen: klicksafe, Tipps für Eltern von Kindern ab 10 Jahren (2025), SCHAU HIN!
Bei Hinweisen auf eine Krise
Schreibt ein Kind einem Chatbot von Hoffnungslosigkeit oder dem Wunsch zu verschwinden, ist das kein Fall für Abwarten. Erkennbar ist das meist nicht am Gespräch selbst, sondern an Veränderungen im Verhalten. Telefonseelsorge 0800 111 0 111, Nummer gegen Kummer 116 111, im Notfall 110.
Wie sich ein Gespräch mit einem Assistenten und mit einem KI-Begleiter anfühlt, zeigen die nachgestellten Chatverläufe.